Tod von Kürt Mehmet: Informant berichtet von Versöhnung und Trauer

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Tod von Kürt Mehmet: Informant berichtet von Versöhnung und Trauer
Kürt Mehmet, Daltonlar, Bandenkrieg

Ein Informant aus der Istanbuler Straßengang 'Daltonlar' meldet sich nach dem Tod von Kürt Mehmet und berichtet von einer vorherigen Versöhnung zwischen Mehmet und dem Gang-Anführer Can Dalton. Der Tod von Mehmet K. wirft Fragen nach Machtstrukturen und der Einflussnahme der Türkei auf die europäische Unterwelt auf.

Es ist Mittwoch, „ Kürt Mehmet “ ist seit einem Tag tot. Andere nennen ihn „Kurden-Mehmet“ oder „Spandau-Mehmet“. Das Telefon klingelt. Ein Informant aus der Istanbuler Straßengang „ Daltonlar “, in Deutschland bekannt als die Daltons, meldet sich.

Eines ist ihm wichtig: Sein Anführer, Can Dalton, habe sich mit Kürt Mehmet ausgesöhnt, vor einigen Wochen schon. Also wenige Tage nachdem sich Männer Mitte Dezember durch Gärten zur Hinterseite des Hauses des schwer kranken Mehmet K. in Berlin-Lichterfelde geschlichen und mehrere Schüsse auf das Gebäude abgefeuert haben. Die Sicherheitsbehörden befürchteten das schlimmste, einen neuen Bandenkrieg in der organisierten Kriminalität, kurz OK.Ich bin damit einverstanden, dass mir per E-Mail interessante Angebote des Tagesspiegels unterbreitet werden. Meine Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen. Mehmet K. lobte nach dem Angriff eine halbe Million Euro für Hinweise auf die Täter aus. Und er schrieb bei Instagram an die Täter und jene, die den Angriff angeordnet haben. „Reicht euch die Macht auf der Straße nicht aus, dass ihr das Haus meiner Kinder angreift?“ Nun beteuert der Anrufer, Can Dalton wolle keinen Krieg. Vor allem: Kürt Mehmet habe ihm verziehen. Die Daltons würden einen Trauerkranz für das Totengebet bestellen. Der Fall Mehmet K., sein Tod, die opulente Trauerfeier vor einer Woche, bei der zahlreiche Unterwelt- und Clangrößen dabei waren, reicht weit über Berlin hinaus. Denn er zeigt, wie sehr etablierte Machtstrukturen in der Halb- und Unterwelt, aber auch die Sicherheitsbehörden in ganz Europa von der Türkei aus unter Druck geraten. Den Daltons, Casperlar und Cirkinler werden zahlreiche Attentate zugeschrieben. Meist sind es regelrechte Exekutionen von Mitgliedern der jeweils rivalisierenden Gang – in Frankreich, Belgien, Spanien, in Griechenland traf es sogar Geheimdienstagenten, die die Gangster observierten, und auch in Berlin. Seit einem Jahr fallen vermehrt Schüsse auf den Straßen der Hauptstadt. Die Täter feuern auf Autos, Büros, Geschäfte und Lokale. Die Spuren reichen zu den türkischen Mafia-Gangs, die sich in den vergangenen Jahren von Istanbul aus nach Europa ausgebreitet haben. Selbst Handgranaten kamen als Drohung schon zum Einsatz. Ein Blick in die Mafia-Welt in elf Kapiteln.Der Tagesspiegel steht seit etwa zwei Jahren mit dem Anrufer in Kontakt und konnte seine Insiderinformation mehrfach verifizieren. Er stammt aus dem innersten Kreis dieser noch jungen, brutalen Bande, die sich mit großer Geschwindigkeit aus Istanbul in den Kaukasus, den Nahen Osten, Russland, über den Balkan bis nach Italien und weiter ausbreitet hat. Und der auch in Deutschland und Berlin Anschläge nachgesagt werden. Es geht um Schutzgeld, Waffenschmuggel, Drogenhandel, Erpressung und Auftragsattentate. Spuren der Daltons und anderer türkischer Straßengangs mit Wurzeln in Istanbul lassen sich seit etwa drei Jahren in Europa verfolgen. Neben Daltons nennen sie sich Red Kits, Casperlar, Sarallar, Gündogmuslar, Cirkinler und werben auf Tiktok Jugendliche mit Versprechen vom schnellen Geld und Mafia-Action an. Der Hype kommt auch in Deutschland an. Bei türkischstämmigen Jugendlichen, an den Schulen, verfängt das: starke Männer, die sich durchsetzen, nach eigenen Regeln leben.In der Türkei werden diesen Banden zahllose Morde zur Last gelegt, meist liefern sie sich Kriege um Schutzgeld- und Drogenreviere, nehmen aber auch politische Auftragsmorde an. Jugendliche feuern aus fahrenden Autos und von Motorrädern auf Gegner, filmen sich und ihre Taten. Sollte es also ein „helalleşmek“, ein Vergebungsritual, zwischen dem Berliner Mehmet K., also Kürt Mehmet, und den Daltons, gegeben haben, wäre das ein wichtiges, religiös-kulturelles Zeichen. Vor allem hätte Berlin ein Problem weniger – möglicherweise. Im Milieu haben nicht wenige Zweifel daran.Ein Mann aus den Reihen der Daltons meldete sich damals per WhatsApp und erklärte, der Tote sei von Mehmet K. geschickt worden. Er habe die Präsenz der Daltons in Hannover stören und verhindern sollen, dass sich die Gang dort weiter ausbreitet. Serdar G. habe sich „respektlos“ verhalten, beim aufkommenden Streit sei er erschossen worden.Der Dalton-Mann drohte dann, auch Mehmet K. in Berlin umzubringen. Stimmt dieses Szenario, könnten die Schüsse auf das Haus von Mehmet K. zwei Monate später als Warnschuss der Daltons oder einer ihrer Untergruppen gelten, Grund genug für eine weitreichende Fehde zwischen beiden Seiten. Ein „helalleşmek“ könnte diesen Konflikt beenden. Mehmet K. hätte auf jegliche Wiedergutmachung durch die Daltons verzichtet und ihnen zur Gesichtswahrung verholfen. Für einen Krebskranken an der Schwelle zum Tod und für den Gegner ist das ein erleichternder muslimischer Ritus. Er gibt die Gewissheit, dass beide Seiten im Jenseits zumindest die Lasten dieser Sünden nicht tragen müssen.So oder so war Mehmet K. eine schillernde Figur, nicht nur der Berliner Halbwelt. In den türkischen Communitys zwischen Hamburg und München kannte man ihn. Als er im letzten Jahr zur Bingöl-Nacht einlud, fuhren vor dem Hotel in Berlin die Größen der organisierten Kriminalität und Vertreter mächtiger Großfamilien mit gepanzerten Wagen vor, wie auf Tiktok gut dokumentiert ist. Bingöl ist die kurdische Heimatregion von K. und vielen der geladenen Geschäftsmänner – eine konservative, von Armut und politischen Konflikten zwischen PKK, Militär und islamistischen Gruppen geprägte Provinz im Osten der Türkei. Auch Frank Hanebuth, einflussreicher Rocker-Größe des Hells Angels, war zu Gast, saß neben Mehmet K. Sehen und gesehen werden, man zeigte sich: Stolz, Ehre und Männlichkeit sind wichtige Elemente im Habitus dieser Männergesellschaft. Frauen sind in dem umfangreichen Videomaterial zu dieser Gala nicht zu sehen. Dafür defilierte unter den etwa 2000 Gästen Clanboss Issa Remmo durch den geschmückten Eingang. Gegen Mitglieder seiner Großfamilien ermittelte die Staatsanwaltschaft seit 2015 wegen Verdachts auf Geldwäsche. Wenige Wochen vor dem Bingöl-Event hatte das Landgericht Berlin, die Mitgliedern seiner Großfamilien zugerechnet werden. Der Verdacht: Remmo-Männer sollen die Immobilien mit Beute aus Straftaten gekauft haben – über eine Strohfrau aus dem Libanon.An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Auf der Beerdigung von Mehmet K. vor einer Woche Woche war es Issa Remmo, der den Sarg ins Grab ließ, beim Aufschütten der Erde half und die Blumen auf dem Grab ordnete – intime Gesten, die bei muslimischen Beerdigungen die engsten Vertrauten übernehmen. Auch Cezayir B. stieg zur Bingöl-Nacht aus einer Limousine. Ein Urgestein der türkischen Drogen-Mafia. Er wurde in der Türkei in den 70er Jahren wegen Mordes angeklagt und floh nach Europa. Derzeit soll er in Wien aktiv sein, reist jedoch im gesamten deutschsprachigen Raum in der Szene der „Grauen Wölfe“ umher, zeigt Selfies mit diesen türkischen Rechtsextremisten, die sich auch mit kriminellen Geschäften finanzieren sollen. Vor allem in Nordrhein-Westfalen besucht er Orte dieser Szene und wird, wie in Viersen im Juni 2025, mit großem Bahnhof empfangen.Mehmet K. gab sich in den vergangenen Jahren Mühe, in der deutschen wie der kurdischen Öffentlichkeit ein Image als Geschäftsmann und Kiez-Kümmerer zu pflegen. 2020 erwarb er eine Lizenz zum Betrieb seiner damals 120 Wettbüros in Deutschland. Seine Wett- und Glückspiel-Firmen erwirtschafteten laut Unternehmensdatenbanken 2023 einen gemeinsamen Gewinn von 2,2 Millionen Euro. Er besaß zudem insgesamt zehn Vermögens-, Beteiligungs- und Immobiliengesellschaften sowie eine 2023 gegründete Softwarefirma. Doch immer wieder umgab er sich auch öffentlich weiter mit großen Namen und dicken Fischen der organisierten Kriminalität. So zierte die Bingöl-Nacht auch ein Blumengesteck des einflussreichen, vom einfachen Volk geliebten Mafia-Paten Sedat Peker. Und wenige Stunden nach K.‘s Tod war es Peker, der als einer der ersten eine Beileidsbekundung auf seinem Instagram-Konto zeigte, unterschrieben mit „Der Führer Sedat Peker.“An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Seit fünf Jahren ist Peker auf der Flucht vor einem Interpol-Haftbefehl. Die türkische Staatsanwaltschaft wirft ihm und 96 weiteren Angeklagten Anstiftung zu Mord, 19 Raubüberfälle, Gründung einer bewaffneten Organisation und Körperverletzung vor. So lange er sich im Ausland, mutmaßlich in Dubai, aufhält, kann kein Gerichtsverfahren eröffnet werden. Auch Hüseyin Baybasin, der „Escobar Europas“, schickte unmittelbar ein Beileidsschreiben auf Social Media. Er ist der Anführer des weitläufig verbreiteten kurdisch-türkischen Baybasin-Stammes und führte diesen in den 1990er Jahren an der Spitze des europäischen Heroinhandels. 1998 wurde er in Holland zu lebenslänglicher Haft verurteilt. Vor wenigen Wochen war es um diese Familie wieder unruhig geworden. Sein Neffe Çağdaş B. wurde am 30. Dezember in Düsseldorf angeschossen. Er hatte vor dem holländischen Konsulat eine Demonstration für die Freilassung seines Onkels organisiert. Als er mit dem Taxi vorfuhr, wurde der Wagen von zehn Kugeln durchlöchert. Türkische Journalisten glauben, es seien die Daltons gewesen. Wegen der vermuteten Provokation durch Mehmet K. in Hannover hätten sie nicht nur auf das Haus von Mehmet K. geschossen, sondern nähmen auch dessen Freunde ins Visier. Çağdaş B. kam schwer verletzt ins Krankenhaus, postet jedoch inzwischen wieder auf Instagram, angeblich aus Holland.Auch wegen der Eskalation in den vergangenen Monaten waren die Vorsichtsmaßnahmen der Berliner Polizei vor der Beerdigung von Mehmet K. groß, sie erschien mit mehreren Hundertschaften, um die Trauerfeier zu schützen. Doch alles blieb ruhig. Hunderte Männer versammelten sich in der Neuköllner Şehitlik-Moschee. Die Menge reichte bis auf den Innenhof und die Straße. Männer tragen den Sarg mit den Gebeinen von Mehmet K. nach dem Trauergebet vor der Beerdigung aus der Neuköllner Sehitlik-Moschee.K. war hoch angesehen. Als Wohltäter, als Hauptsponsor eines Berliner Fußballvereins und als Unterstützer von Schulkindern, denen er sowohl in seiner Heimatstadt Bingöl als auch in Berlin jährlich bis zu 100.000 Euro spendete, genoss er großen Respekt. Das zeigt sich auch in der Zahl der Trauergäste, die im Gedränge versuchen, noch einmal seinen Sarg zu berühren – die letzte Gelegenheit für ein „helalleşmek“. Draußen auf der Straße spricht ein Teilnehmer mit dem Reporter Thomas Heise von „Spiegel TV“, einem ausgewiesenen Kenner der Szene. Der Mann sagt ihm, Mehmet K. sei ein sehr guter Mensch gewesen, habe Streit geschlichtet, Leute mit Geld unterstützt, damit sie nicht kriminell werden. Es sei das „Gleichgewicht von Berlin“ gewesen und habe dafür gesorgt, „dass alles hier seinen geraden Weg hat“. K. habe vieles geklärt, bevor es bei der Polizei angekommen sei. Jetzt hätten „die Bullen die ganze Arbeit“. Von den Daltons kenne er niemanden, sagt er noch.An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. An der Außenmauer der Sehitlik-Moschee in Berlin stehen die großen Trauerkränze weiterer türkischer Mafia-Bosse: Sedat Sahin, Anführer der Sahinler-Bande, die sich mit der Stammes-Gang der Sarallar eine bereits 20 Jahre dauernde bewaffnete und blutige Fehde liefert. Von diesen Feinden, den Sarallar, ist sogar eine Abordnung persönlich erschienen. Und ganz links, am hintersten Ende der Mauer: Ein Kranz mit weißen Chrysanthemen und schwarzer Schrift auf der Banderole: „Daltonlar“. Der Kranz habe zunächst zentraler gestanden, sei dann immer weiter an den Rand gerückt worden, berichten Beobachter. Eine Distanzierung?An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Die Daltons sind in Berlin nicht unbekannt. Im vergangenen Jahr wurden vor dem Landgericht zwei türkische Flüchtlinge verurteilt, die auf türkische Supermärkte geschossen hatten. 500.000 Euro sollten die Inhaber anAhmet D., 34 Jahre alt, wurde im November in einem anderen Fall zu sechs Jahren Haft verurteilt. Wieder ging es um die türkische Supermarktkette. Im März 2025 schossen drei Dalton-Handlanger in Spandau dem Betreiber siebenmal in die Beine. D. soll den Auftrag erteilt haben, den Geschäftsmann zu bestrafen. Hinzu kommen die „Ezginler“ , auch bekannt als „Ezgins“, ein Ableger der Daltons. Sie sollen in Berlin für mehrere Schießereien und Erpressungen verantwortlich sein. Und sie sollen hunderte Schusswaffen nach Berlin geschafft haben. Sie treten extrem gewaltbereit, kriminell und bewaffnet auf. Ihnen werden Bedrohungen, Raub und Kapitalverbrechen zugeschrieben. Die Ermittler befürchten, dass sich die Ezgins als neue Macht in der Berliner Unterwelt etablieren wollen. Es gibt Hinweise darauf, dass Mehmet K., der Pate, vor den vielen Schießereien mit den Ezgins zu tun hatte.Was in Berlin passiert, sind Folgen eines fortschreitenden Staatsverfalls in der Türkei. Seit fünf Jahren erschüttern dort junge Gangs und ihre Drive-by-Shootings die Bewohner Istanbuls. Der Aufstieg der Killer-Kinder ist auch ein Symptom: Für den Zustand von Wirtschaft und Gesellschaft in der Türkei, den sinkenden Wohlstand, den seit Jahren anhaltender Verfall der türkischen Lira. Aber auch für einen „narco-autoritäres System, in dem Kriminalität, Repression und Macht verschmelzen“, wie es der Politikwissenschaftler Hakkı Taş vom German Institut for Global and Area Studies In Zusammenarbeit mit Europol verzeichnete die türkische Polizeiarbeit allerdings auch erhebliche Erfolge. Etwa 1000 Mitglieder der zehn gefährlichsten Gangs, darunter mehrere hundert Daltons, konnten sie in den vergangenen zwei Jahren in verschiedenen Ländern festnehmen, unter ihnen Bosse und Unter-Anführer. Am 23. Dezember standen in einem der größten Gerichtssäle des Landes im Istanbuler Silivri-Gefängnis 305 junge Angeklagte vor Gericht, 57 weitere Beschuldigte waren flüchtig. Eine Analyse der Staatsanwaltschaft, die der Redaktion vorliegt, zeigt eine komplexe, hierarchische Organisation, die zudem über eigene Waffenproduktionsstätten in der Türkei verfügt.40 Angeklagte erhielten erschwerte lebenslange Haft, zwei der Führer, unter ihnen Zafer Boyun, erhielten zwölf Mal lebenslänglich. Bei der Urteilsverkündung kam es zu Tumulten, die Verurteilten schworen ihrem in Russland in Hausarrest sitzenden Anführer Can Dalton alias Beratcan Gökdemir die Treue und begannen, das Mobiliar zu zertrümmern. Schreie wurden laut, die Angeklagten prügelten sich untereinander. Einem soll ein Ohr abgerissen worden sein. Die Gendarmerie musste mit Schlagstöcken und Tränengas eingreifen, die Richter verließen aus Sicherheitsgründen den Saal. Doch noch hat Morden in Istanbul kein Ende, bis heute kommt es in den Straßen zu blutigen Attentaten. Erst vor wenigen Wochen nutzten Anhänger der Daltons den Geburtstag von Can Dalton für martialische Botschaften. Hunderte von ihnen lichteten sich in einer konzertierten Aktion maskiert und schwer bewaffnet ab - in Istanbul, Georgien, Irak, Syrien, Russland. Eine „Gen-Z-Mafia“.An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden.Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können.Das Bundeskriminalamt erklärt, das Phänomen solcher Gruppierungen im Bereich der „schwersten Gewalttaten“ sei bekannt. Mit zehn weiteren europäischen Ländern und Europol sei im April 2025 die operative Spezialgruppe GRIMM gegründet, um solche Netzwerke, die vor allem junge Erwachsene und Kinder für Attentate anwerben, zu bekämpfen. Gruppen wie die Daltons seien ebenfalls bekannt und „Gegenstand differenzierter Betrachtung auf nationaler und internationaler Ebene“, sagt eine BKA-Sprecherin. Europol nennt das noch neue Phänomen „Violence-as-a Service“, Outsourcing von Gewalt und Attentaten. Meist junge Täter, oft Minderjährige, führten hierbei gegen Geld die Aufträge aus: Drohungen, Angriffe, Morde. Über Plattformen im Internet, Chats in Onlinespielen oder Messenger werden sie angeworben. In den Banden sind die Aufgaben sind klar verteilt. Es gibt Anstifter, Rekrutierer und Vermittler, die sich um Logistik und Waffen kümmern.. Doch die Ermittler hätten auch in Deutschland mit immer mehr Fällen zu tun, bei denen kriminelle Netzwerke vor allem junge Verdächtige für schwere Gewaltdelikte anheuern. „Diese Entwicklung ist ein Indikator für eine zunehmende Bedeutung dieses Phänomens auch in Deutschland“, teilt das BKA offiziell mit. Schusswaffengewalt und Explosionen durch kriminelle Banden bekommt Schweden seit Jahren nicht in den Griff: Zwischen Januar und November 2025 gab es fast 200 Bombenanschläge im Land.Nach Griechenland droht Berlin nun zum Rückzugsort für die türkische Mafia zu werden. Anfang Oktober griff die griechische Polizei laut Medienberichten mehrere Frauen und Männer am türkisch-griechischen Grenzfluss Evros auf und fand bei ihnen 147 neue Glock-Pistolen, 190 Magazine sowie Waffenzubehör. Berlin wird inzwischen überschwemmt von Waffen, meist illegale Nachbauten oder modifizierte Schreckschusspistolen.Selbst für die Schießereien in Berlin werden die Täter teils aus dem Ausland eingeflogen. „Dafür werden gezielt auch junge Männer im Ausland rekrutiert“, sagte Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel Mitte Januar. „Sie reisen kurzfristig mit einem Touristenvisum ein und begehen dann hier Straftaten, für die sie Aufträge erhalten haben.“ Zum Teil sprächen die Täter kaum Deutsch und reisten dann nach der Tat schnell wieder aus. „Die Auftraggeber sitzen entweder im Ausland und wollen Raum gewinnen oder die Aufträge werden von Teilen der hier ansässigen OK-Strukturen erteilt“, erläuterte Slowik Meisel.Die Polizeipräsidentin spricht von zunehmend gewaltsamen Auseinandersetzungen und Revierkämpfen zwischen rivalisierenden Banden. Den Erpressungen werde mit Schüssen auf Gebäude Nachdruck verliehen. Im November reagierte die Polizei mit einer neuen Sonderheit namens „Ferrum“, zu Deutsch: Eisen. Die Polizei durchsucht Lokale, stoppt auffällige Autos. In ihrer Statistik, Stand 23. Januar, listet die Polizei auf: 4.917 Identitätsfeststellungen, 2.954 Fahrzeugkontrollen, 789 Lokalüberprüfungen, 220 eingeleitete Strafverfahren und acht Haftbefehle. Beamte fanden zwölf scharfe Schusswaffen, 192 scharfe Munitionsteile und Patronen, zehn Schreckschusswaffen sowie Dutzende andere gefährliche Gegenstände wie Messer, Taser, Schlagstöcke und Baseballschläger.Ob das reicht, was die Berliner Polizei macht? „Berlin ist nicht das Pflaster für solche Auseinandersetzungen krimineller Strukturen“, sagt die Polizeipräsidentin. Doch die deutschen Behörden tun sich schwer im Kampf gegen organisierte Kriminalität. So nahmen Ermittler im Juli 2025 auf einem Parkplatz in Hessen den Kopf der Casperlar-Bande, den 26-Jährigen Ismail A. fest. 116 Straftaten werfen die türkischen Behörden ihm vor, darunter Körperverletzung, Mord, Totschlag, Bildung einer kriminellen Vereinigung. Doch wie der SWR berichtete, ließ die Generalsstaatsanwaltschaft Frankfurt/Main den mit internationalem Haftbefehl Gesuchten nach vier Tagen wieder frei – trotz eines Auslieferungsantrags der Türkei. Begründung: Am Bosporus erwarte A. kein rechtsstaatliches Verfahren.Auf den Europa-Karten der Fachleute sind Deutschland und Berlin schon als neuer Schwerpunkt der türkischen Mafia verzeichnet. Diese Banden seien inzwischen Zentren europäischer Netzwerke, schreibt der Hamburger Politikwissenschaftler Hakkı Taş in einer Analyse für das German Institut for Global and Area Studies. Bandenkriege wie in Berlin, Barcelona und London zeigten, „wie die Mafiotisierung Europas Sicherheit gefährdet“. Die Türkei, so schreibt Taş, sei inzwischen ein Art Mafia-Staat und wichtiger Umschlagplatz für Drogen aus aller Welt. Staatliche Institutionen würden politisch missbraucht und verschafften der organisierten Kriminalität neue Freiräume. Es sei eine neue „hybride Ordnung, in der sich Autoritarismus und organisierte Kriminalität gegenseitig stützen“.Die Metropolen des Landes seien zudem Zufluchtsorte für Clans, Kartelle, Bandenbosse und Oligarchen geworden. Um den wirtschaftlichen Abstieg zu bremsen, erleichterte die Politik in Ankara den Zugang zur türkischen Staatsbürgerschaft. Einzige Bedingung war der Kauf eine Immobilie für mehrere Hunderttausend Dollar oder Geldanlagen. Die Revierkämpfe in Istanbul weiteten sich sichtbar auf die großen Städte Europas aus, wo die Banden und Clans um die Kontrolle über die Drogengeschäfte kämpften. Die aktuelle Gewaltwelle, so erklärt der Wissenschaftler, zeige, wie sich die kriminelle Instabilität aus der Türkei nach Europa ausbreite. „Die Verwandlung der Türkei in einen Zufluchtsort für die Mafia ist nicht auf ihre Grenzen beschränkt geblieben. Die Auswirkungen sind zunehmend in Europa sichtbar“, schreibt der Politologe. Europol stuft türkische Staatsangehörige inzwischen als „Schlüsselmitglieder“ ein, „die oft den Kern krimineller Netzwerke mit belgischen, niederländischen und deutschen Kriminellen bilden“. Italienische Staatsanwälte haben die Reichweite türkischer Syndikate kartografiert, wie der Politikwissenschaftler Taş notierte. Das Ergebnis: „Drogenfabriken in Bulgarien, Waffenlager in der Schweiz, Kokainlieferungen über Istanbul und Morde in Berlin.“Einen dieser Morde auf einen türkischen Geschäftsmann in Berlin soll Barış Boyuns, einst Kopf der Daltons, in Auftrag gegeben haben. Die Behörden bringen ihn mit einer Reihe von Tötungsdelikten in Verbindung, 2022 und dann erneut 2024 wurde er in Italien verhaftet, nachdem er jahrelang ungehindert in Europa Geschäfte machen konnte. Weil Italien die Auslieferung in die Türkei ablehnt, kam Boyun in Hausarrest, das Haus wurde zuvor verwanzt. In ihrem Untersuchungsbericht, der der Redaktion vorliegt, listet die Mailänder Antiterror-Polizei dann auch abgehörte Gespräche und Telefonate auf. Demnach habe Boyun ein „Terrornetzwerk“ gegründet, das in der Zeit seines Hausarrests von Italien aus Anschläge in der Türkei organisierte. Und aus den Protokollen geht hervor, dass Boyun den bisher ungeklärten Mord am Checkpoint Charlie im März 2024 in Auftrag gegeben haben soll. Demnach hat er den Tätern nach den Schüssen am Telefon live befohlen, wie es weitergeht und durch welchen Hinterausgang sie fliehen sollen. Das Opfer: Der Geschäftsmann Veysel E., ein 44-jähriger Türke mit belgischem Pass. Er war abends zu Fuß unterwegs, um 20.01 Uhr fielen Schüsse, E. wurde mehrmals getroffen und brach auf dem Gehweg zusammen. Um 20.05 Uhr, so notierten es die italienischen Ermittler, kontaktierte Boyun einen Vertrauten in „Almanya“, also in Deutschland, um die Erfolgsmeldung durchzugeben.Mehmet K., der verstorben Pate, wurde 62 Jahre alt. Er hinterlässt eine Frau und eine Tochter. In Berlin sagt der trauernde Freund dem Clan-Experten Thomas Heise zum Abschied: „Ich denke, jetzt geht die Hölle los in Berlin, jetzt wird es schlimmer, denn jetzt gibt es Mehmet Abi nicht mehr.“ „Abi“, großer Bruder – einer, der Lösungen hat, die Community zusammen hält, so nannten sie ihn hier.

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